Parlamentswahlen: Schwedische Regierung stolpert kurz vor der Ziellinie über Bloggerin

by Walther on 2010-09-20


Eine Woche vor der Wahl waren die Umfrageergebnisse deutlich. Die bürgerliche Allianz führte klar vor dem rot-grünen Block. Alles deutete auf eine absolute Mehrheit hin und eine Wiederwahl von Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt. Dann stolperte die Regierung kurz vor der Ziellinie - über eine Bloggerin.

In den allerletzten Tagen vor der Wahl erlangte nämlich eine Bloggerin große Aufmerksamkeit, die über das Schicksal ihrer schwerstkranken Mutter, Annica Holmquist, schrieb. Die Mutter leidet an Akromegalie (Vergrößerung von Körperendgliedern), und ihr war deshalb auch mehrfach Arbeitsunfähigkeit bescheinigt worden. Dennoch wollte ihr das schwedische Sozialversicherungsamt (Försäkringskassan) das Krankengeld streichen und sie zum Arbeitsamt schicken.

Ihre Tochter, Emelie Holmquist, schrieb darüber am Mittwoch vor der Wahl einen verzweifelten Artikel in ihrem Blog. Sie machte die Regierung dafür verantwortlich, dass ihre Mutter kein Krankengeld mehr bekommen sollte – die Regierung hatte die Krankenversicherung reformiert und die Regeln für das Krankengeld verschärft. 

Emelie Holmquists Artikel fand schnell Beachtung in den traditionellen Medien. Viele Zeitungen und Fernsehanstalten berichteten darüber. Hier ein Beispiel vom Donnerstag vor der Wahl:

Die Opposition bekam durch diese persönliche Leidensgeschichte Rückenwind. Wahrscheinlich hat die bürgerliche Allianz damit ihre sichergeglaubte absolute Mehrheit verloren.

Medienkritiker, Politikwissenschaftler und Wahlforscher werden studieren, wie es zu diesem Artikel kam und welche Auswirkungen er hatte. Dabei wird man auch über den Zeitpunkt des Artikels diskutieren – er wurde zwei Tage vor der abschließenden Fernsehdebatte veröffentlicht – und über die Herkunft der Bloggerin – sie gehört der Linkspartei Vänsterpartiet an.

Jetzt schon lässt sich sagen, dass das Internet bei den schwedischen Wahlen eine große Rolle gespielt hat. Es waren aber nicht die Politiker-Beiträge auf Facebook und Twitter, die das Wahlergebnis entscheidend beeinflussten, schreibt die Tageszeitung Sydsvenskan. Das gelang statt dessen einer Bürgerin und Wählerin mit einem einzigen privaten Blog-Artikel.

Update 2010-09-21

Und der Fall Annica Holmquist geht weiter, doch ohne Lösung, berichtet GöteborgsPosten.


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