Seltsame Praxis bei schwedischer Reichstagswahl

by Walther on 2010-08-30

Wahlzettel bei schwedischen Wahlen

Wahlzettel bei schwedischen Wahlen, hier von der Umweltschutzpartei "Die Grünen" (Miljöpartiet De Gröna).

Wahlen in einer Demokratie sind geheim. Doch sind schwedische Wahlen wirklich geheim?

In Schweden gibt es keinen Stimmzettel, auf dem man seine Partei ankreuzt. Vielmehr hat jede Partei ihren eigenen Wahlzettel. Diesen Wahlzettel legt man dann im Wahllokal in einer Wahlkabine in einen Umschlag.

Die Wahlzettel liegen im Eingangsbereich eines jeden Wahllokals aus. Sie liegen dort nach Parteien sortiert nebeneinander auf einem Tisch. Hier nimmt man sich einen Wahlzettel der Partei, die man wählen will. Dabei können alle Umstehenden sehen, aus welchem Ablagekorb oder von welchem Stapel man sich den Wahlzettel holt. Damit weiß auch jeder, der aufmerksam zusieht, welche Partei man wählen wird. Ist das geheim? Nein, finden wir.

Um dieses Problem zu umgehen, schicken schwedische Parteien Wahlzettel per Post nach Hause. Am Wahltag geht man dann mit dem Wahlzettel seiner Partei ins Wahllokal und holt den Wahlzettel in der Wahlkabine aus der Hosentasche. Wir haben heute drei Briefe mit Wahlzetteln von drei verschiedenen Parteien nach Hause geschickt bekommen. Wer vergisst, den Wahlzettel mit ins Wahllokal zu nehmen, muss ihn dort vom Tisch nehmen - und damit rechnen, dass dann das ganze Dorf weiß, welche Partei man wählt.

Zum Hintergrund: Schweden wählt am 19. September einen neuen Reichstag (“riksdag”). Dazu werden auch Kommunal- und Regionalparlamente neu gewählt (“kommun- och landstingsfullmäktige”).

Update 2010-09-19

Heute sind Parlamentswahlen in Schweden. Wir kommen gerade aus dem Wahllokal zurück. Es ist in der Tat so, wie wir es in unserem Artikel beschrieben haben. Manchmal stehen sechs, sieben Wähler um den Tisch mit den Wahlzetteln herum und nehmen sich die Wahlzettel für die Partei, die sie wählen wollen. Das geschieht ganz offen und unter den Blicken der anderen Wähler.

Update 2010-09-23

Heute gibt es in der GP eine Diskussion darüber, wie die Wahl praktisch funktioniert hat. Eine ganze Reihe von Lesern beschwert sich just darüber, dass man die Wahlzettel offen von einem Tisch nehmen muss. Hier zwei typische Kommentare:

Där jag röstade låg alla valsedlar helt öppet i ett utrymme där det också var trångt och en massa människor befann sig – inte minst grannar och andra boende i närområdet. Enda chansen att bevara någon form av valhemlighet var att ta en valsedel från varje parti. Jag reagerade på detta och tycker att det kändes ovärdigt en modern demokrati som Sverige!

und

Ett val skall vara anonymt och det är det inte i dag. Lappar ska man kunna ta i fred, och lägga i kuvert i fred. Vi är lite för invaggade i vår egen förträfflighet för att inse att vi har ett upplägg som inte skiljer sig tillräckligt mycket från en bananrepubliks. Lös det till nästa val tack.

Beide Kommentatoren kritisieren, dass die Wahl nicht anonym genug ist. Nachbarn hätten die Möglichkeit zu sehen, welche Partei man wählt. Das sei einer modernen Demokratie unwürdig, sagt der erste Kommentator. Der zweite spricht sogar von Ähnlichkeiten mit einer Bananenrepublik.


{ 3 comments… read them below or add one }

Arno Nym 2010-09-19 at 18:17

Nachtrag: Grade die Anleitung zur Wahl gefunden, http://www.val.se/valet_2010/information/713a26_tyska_att_rosta.pdf
Da steht, dass es auch Stimmzettel ohne irgendwas drauf gibt, auf die man dann einfach den Namen der Partei schreibt, also muss man noch nicht mal von jeder Partei einen Zettel mitnehmen wenn man wirklich hundertprozentig unerkennbar wählen möchte.

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Walther 2010-09-22 at 08:01

Du hast völlig recht. Wer geheim wählen will, kann geheim wählen. In die Wahlkabine kann keiner hineinschauen. Dennoch finde ich die Praxis mit den Stimm- oder Wahlzetteln seltsam. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es viele Wähler gibt, die sich am Eingang des Wahllokals unter den Augen der Umsetehenden einen Wahlzettel der Partei A holen und dann in der Wahlkabine die Partei B wählen.

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Arno Nym 2010-09-19 at 18:04

Naja, solange niemand mit in die Wahlkabine rein darf sind die Wahlen doch trotzdem noch geheim. Selbst bei den Leuten die sich für alle sichtbar Stimmzettel einer Partei nehmen, kann dann niemand wissen ob nicht doch der einer andren Partei schon in der Hosentasche steckt und in der Kabine dann gegen den genommenen ausgetauscht wird.
Und wenn man keinen Wahlzettel dabei hat, aber sich nicht mehr oder weniger öffentlich dazu bekennen will was man wählt, nimmt man sich halt von jeder Partei einen Zettel und entscheidet dann in der Wahlkabine.
Aber solange niemand mit in die Wahlkabine rein darf sind die Wahlen doch noch geheim.
Hier hindert einen ja auch keiner dran rum zu erzählen, dass man Partei A gewählt hat, ob das stimmt kann aber keiner überprüfen. Analog dazu das nehmen eines bestimmten Wahlzettels im Wahllokal. Zugegeben, das mit den Wahlzetteln braucht nicht so viel Eigeninitiative wie zu verkünden, dass man Partei A wählt, aber der Grundsatz der geheimen Wahl ist durch dieses System doch nicht gefährdet.

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