Der Süden Schwedens hat seit vielen Jahren keinen richtigen Winter mehr erlebt. Manche Südschweden haben schon überlegt, ob sie überhaupt noch eine Zentralheizung benötigen. Im Winter 2007/08 kam man auch prima ohne sie über die Runden, wenn man einen Kaminofen und eine moderne Luft-Luft-Wärmepumpe im Haus hatte. In diesem Jahr hingegen hat der Winter auch im Süden Schwedens mal wieder richtig mit viel Schnee und tiefen Temperaturen zugeschlagen. Dabei wurde deutlich, dass das Land nicht mehr auf solche Wetterlagen eingestellt ist.
Einstürzende Gebäude
Als der Schnee dezimeterweise fiel, erlebten vor allem Betreiber von Einkaufszentren und Sporthallen böse Überraschungen. Reihenweise brachen Dächer unter der Schneelast zusammen. In Vänersborg traf es die niegelnagelneue Bandy-Arena, die im September 2009 eröffnet worden war. Sie hatte mehr als 265 Millionen SEK gekostet. Am 20. Februar knickten Teile der Dachkonstruktion ein.
Viele Kindergärten und Schulen blieben aus Sicherheitsgründen geschlossen. Unsere Kinder waren drei Tage lang zu Hause, weil Dachdecker zunächst mal die Dächer räumen mussten. In einigen Gemeinden wurden später noch einmal Schulen und Kindergärten geschlossen, weil beim Dachsäubern große Schneeberge entstanden waren, von denen die Kinder direkt auf die geräumten Dächer geklettert waren. Nun hat die schwedische Regierung Untersuchungen eingeleitet, um zu sehen, ob die geltenden Baunormen und ihre Umsetzung verbessert werden müssen.
Dachlawinen und Eiszapfen
Als ich kürzlich in Stockholm war, fiel mir auf, dass die Leute nicht nur auf die eisigen Bürgersteige, sondern auch immer nach oben sahen. In der Tat war die Gefahr von oben oft größer als von den glatten Trottoiren. An manchen Dächern hingen gewaltige Eiszapfen. Vor einigen Jahren wurde in Stockholm ein 14jähriger Junge von einem solchen Eiszapfen getötet. Auch in Göteborg mussten in diesen Tagen Fußgänger nach Dachlawinen ins Krankenhaus gebracht werden.
Eisenbahnen und Fähren
Das größte Chaos herrschte bei den schwedischen Eisenbahnen SJ. Eingefrorene Weichen und defekte Züge führten dazu, dass der Verkehr zwischen Göteborg und Stockholm einen ganzen Tag lang komplett eingestellt wurde. Später fuhr nur jeder zweite Zug. Es fehlten vor allem Loks, mit denen man Schnee räumen konnte. Die wenigen vorhandenen waren fünfzig Jahre alt.
Im Bottnischen Meerbusen waren zeitweise mehrere Dutzend Schiffe eingefroren. Das traf auch den Fährverkehr zwischen Stockholm und Helsinki. Hier saßen zwei Fähren der Viking Line fest, bis ein Eisbrecher sie befreite. Auf der Fähre Amorella verbrachten 940 Personen eine zusätzliche Nacht auf See. Es war unklar, warum die Fähren trotz Warnungen in See gestochen waren. Die Kapitäne der Fähren behaupteten nachher, sie hätten nie eine Warnung erhalten.
Wasserkrise
Gegen Ende des Winters zeigt sich auch, dass das südschwedische Wassernetz dem dreimonatigen Dauerfrost nicht gewachsen ist. Ein Rohr nach dem anderen platzt. Auch Hauptwasserleitungen hat es erwischt, z. B. in Göteborg. Dort bekommen Hochhausbewohner in den oberen Etagen nur noch wenig oder gar kein Wasser. Die lokale Radiostation “Bandit Rock” hat schon Umfragen gestartet, wie lange man es wohl ohne Duschen aushalten kann.
Vorsorge oder Vergessen?
Was wird wohl vor dem nächsten Winter geschehen? Wahrscheinlich werden viele Firmen mehr Streusalz, mehr Schneefräsen und mehr Schneeschaufeln denn je ordern. Auch die Gemeindeverwaltungen, Eisenbahnen und Räumdienste werden sich gut vorbereiten. Der Süden Schwedens wird sich nicht noch einmal so hart vom Winter treffen lassen wollen.
Aber wenn dann wieder zehn milde Winter aufeinanderfolgen, wird man die Lehren aus dem Winter 2009/10 vermutlich schnell vergessen haben.
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