Seit Ende Februar habe ich überlegt, ob ich hier auf meiner Website über die aktuelle Lage in Schweden schreiben soll. Wenn ich mir vormittags dazu Gedanken gemacht habe, dann war nachmittags schon wieder alles ganz anders. Die Entwicklung verlief so rasend schnell. Deshalb habe ich lieber geschwiegen. Langsam wache ich aber aus meiner Schockstarre auf.

Wegen Corona habe ich meine Teilnahme an der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin schon am 30. Januar gestrichen. Die Messe wurde jedoch erst vier Wochen später, am 28. Februar, abgesagt. Ich war also von Beginn der Krise an weitsichtig.

Stillstand einer ganzen Branche

Für meine Weitsicht konnte ich mir aber nicht viel kaufen. März und April waren verlorene Monate. Während andere Branchen und Selbständige über 70 oder 80 Prozent Umsatzeinbuße klagten, waren es bei mir nahezu 100 Prozent. Ich fühlte mich arbeitslos. Wie so viele andere auch.

In meinen Zahlen spiegelte sich das Schicksal einer ganzen Branche. Plötzlich saßen der kleine Walther und der große Petter Stordalen im selben Boot. (Petter ist Eigentümer der Hotelkette Nordic Choice und so etwas wie das Aushängeschild der gesamten skandinavischen Reisebranche.)

Seit der zweiten Maiwoche tut sich aber etwas. Es kommen wieder Buchungen, teilweise sogar von deutschsprachigen Reisenden, die sich bereits im Land befinden. Ich habe hier in Westschweden auch schon wieder deutsche Autokennzeichen gesehen. Zwei deutsche Wohnmobile waren ebenfalls darunter. Wie das zu der noch gültigen deutschen Reisewarnung passt, vermag ich nicht zu sagen.

Schwedens Sonderweg

Schweden hat nie die Tür zugemacht. Das Land verwehrt EU/EES-Bürgern nicht die Einreise. Damit unterscheiden wir uns von anderen Ländern in Europa.

Überhaupt gehen wir hier in Schweden einen Sonderweg. Cafés, Restaurants, Bars, Kitas und Schulen sind geöffnet und waren nie geschlossen – von einzelnen Ausnahmen abgesehen. Nur die Oberstufenschüler mussten zuhause bleiben und bekamen Fernunterricht.

Hier hat uns auch niemand wochenlang zuhause eingesperrt wie in anderen Ländern. Ich war jeden Tag vor der Tür und bin gelaufen. Das könnt Ihr bei Instagram schön verfolgen (@schwedentipps).

Wir tragen auch keine Masken. Unsere obersten Epidemiologen sind der Meinung, dass sie kratzen und jucken und man sich deshalb ins Gesicht fasst, was man ja gerade nicht tun sollte. Überdies würden die Masken eine falsche Sicherheit suggerieren. Damit gehe dann die Konzentration auf Abstandhalten und Händewaschen verloren.

In Schweden fußen fast alle Maßnahmen gegen Corona auf Freiwilligkeit und gesundem Menschenverstand. Empfehlungen statt Verbote also. Angesichts dieser Freizügigkeit fragen sich Beobachter aus aller Welt, ob wir Schweden gelassen oder naiv sind. Die hohe Todesrate in schwedischen Altenheimen spricht derzeit gegen unseren Weg. Korrekt wird man die schwedischen Maßnahmen erst in der Rückschau beurteilen können. Vielleicht also in sechs oder zwölf Monaten.

Ein Erklärungsversuch

Hier in Schweden hatten wir einmal eine Behörde, die Smittskyddsinstitutet hieß. Das bedeutete “Seuchenschutzbehörde”. Aus ihr wurde nach einer Zusammenlegung im Jahr 2014 unsere heutige Behörde. Sie nennt sich Folkhälsomyndigheten, auf deutsch “Behörde für Volksgesundheit”.

Wie der Begriff “Volksgesundheit” andeutet, geht es Folkhälsomyndigheten nicht nur um die Bekämpfung der Epidemie, sondern um eine medizinische, soziale und wirtschaftliche Gesamtperspektive. Die Behörde argumentiert, dass wir viele Menschen auch durch die Corona-Folgeschäden wie Arbeitslosigkeit, Armut, Alkoholprobleme, Depressionen, Selbstmord oder häusliche Gewalt verlieren. Ein totaler Lockdown hätte diese Folgeschäden nur verschlimmert. Daher gab es bei uns keine Ausgangssperre.

Was heißt das für Eure Reisepläne?

Wie ich bereits erwähnte: Schweden erlaubt EU-Bürgern, Schweizern und Briten die Einreise. Dafür werden keine besonderen Gründe verlangt. Nur Besucher aus Nicht-EU/EES-Ländern sind derzeit von einem Einreisestopp betroffen (für den es wiederum Ausnahmen gibt).

Falls uns nicht plötzlich ein größerer Rückschlag trifft, wird es also auch dieses Jahr eine Reisesaison geben. Die wird sicherlich ganz anders als gewohnt aussehen.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass im Sommer  Campinghütten und  Ferienhäuser gefragt sein werden. In beiden Kategorien werdet Ihr mit den Schweden konkurrieren, die ihren Urlaub diesmal in der Mehrzahl zuhause verbringen werden. Insofern könnte das Angebot im Juli/August in einigen Regionen begrenzt sein. Aber: Die meisten Schweden müssen am 17. August wieder zur Arbeit oder zur Schule gehen. Danach ist das Feld für Euch ziemlich frei, sofern Ihr einen späten Sommerurlaub machen könnt. Ich würde Euch in dem Fall empfehlen, möglichst weit südlich gelegene Reiseziele anzusteuern.

Die  Hotels haben es schwerer. Sie passen sich aber an, vor allem mit dem Frühstück. Im Moment ist das übliche Buffet nicht zu finden. Man bekommt meist ein Frühstück am Tisch oder zum Mitnehmen. Flexibilität auf beiden Seiten ist gefragt. Eventuell bedeutet das auch, dass man am Vorabend eine Zeit für das Frühstück vereinbart. So wie es früher einmal in kleinen Pensionen üblich war.

Vergnügungsparks sind bislang geschlossen. Veranstaltungen, insbesondere Konzerte, sind abgesagt. Auch Sightseeing-Touren werden erst langsam wieder anlaufen. Einige Zoos sind geöffnet, verkaufen aber “Platzkarten”, damit kein Gedränge entsteht. Auch einige Elchparks haben schon geöffnet, u. a. der in Virserum.

Es gibt in der Krise tatsächlich auch Gewinner. Zu ihnen gehören die Angelgeschäfte. Nahezu alle vermelden gestiegenes Interesse und gestiegenen Umsatz. Angelkarten (“fiskekort”) gehen weg wie warme Semmeln.

Auch naturnahe Ausflugsziele sind populärer als sonst. Der Göta Kanal hatte im März und April angeblich 50 Prozent mehr Besucher als zum gleichen Zeitpunkt in normalen Jahren.

Mein Rat

Wenn Ihr im Sommer nach Schweden fahren wollt, entscheidet kurzfristig. Informiert Euch einige Tage vorher umfassend, z. B. hier:

  • Auswärtiges Amt
  • Schwedische Botschaft in Berlin
  • VisitSweden in Hamburg
  • Schwedischer Campingverband SCR
  • Fährgesellschaft
  • Krankenkasse
  • Reiseversicherung/Reiserückholversicherung

Falls Ihr über Dänemark fahren wollt, überprüft, was aktuell für durchreisende Schwedenurlauber gilt.

Ihr braucht nicht mit einem Auto voller Lebensmittel nach Schweden zu kommen. Einkaufen ist bei uns kein Problem. Es gibt alles, und dank günstigem Wechselkurs sind die Preise für Euch nur knapp über deutschem Niveau. Auch bei uns findet Ihr Plexiglasscheiben an den Kassen sowie Händedesinfektion und Einmalhandschuhe im Eingangsbereich.

Cafés, Restaurants, Bars, Museen und sogar einige Hofläden und Sommercafés haben geöffnet, auch jetzt schon Ende Mai. Soziale Distanz wird überall gewahrt. Wenn man nicht drinnen essen will (mit Abstand zwischen den Tischen), kann man sein Essen entweder mitnehmen oder auf der Außenterrasse verzehren. Die großen Hamburger-Ketten bringen einem das Essen sogar direkt ans Auto, wenn man will.

Die Krise hat übrigens dazu geführt, dass noch mehr bargeldlos bezahlt wird.

Abschließende Bitte

Dass Ihr bei den geringsten Anzeichen von Symptomen zuhause bleibt, dürfte selbstverständlich sein. Hört also bitte auf Euren Körper und geht keine Risiken ein. Auch in Eurem eigenen Interesse.

Fragt mich

Wenn Ihr Hilfe und Rat benötigt, schreibt mir.

Ich gebe mir Mühe, Euch nach bestem Wissen zu helfen. Da die Unsicherheit derzeit so groß ist, weise ich aber vorsorglich darauf hin, dass mein Rat wie immer ohne Gewähr ist. Seht also meine Aussagen kritisch. Nur Ihr kennt Eure spezielle medizinische, familiäre und wirtschaftliche Situation.

Wie üblich freue ich mich, wenn Ihr mir nach der Reise von Euren Erlebnissen berichtet.

Ich wünsche Euch einen schönen Sommer!

Walther

Anmerkung: Das Bild oben auf dieser Seite habe ich diese Woche in der Nähe von Svenljunga gemacht. Ich bin nämlich mitten in der Corona-Krise umgezogen – von Kungsbacka in Halland nach Svenljunga in Västergötland. Die Grenzen zu Halland und Småland liegen nur einige Kilometer südlich von meinem neuen Zuhause. Svenljunga vermarktet sich touristisch zusammen mit Tranemo. Hier gibt es viele Seen, reichlich Wald und schöne Wanderwege. Schaut bei Instagram rein, dann seht Ihr, was ich meine.