Klischees, Vorurteile und Mythen

Motorradspuren im Wald

Schweden ist ein wunderbares Land. Schweden hat eine traumhafte Natur. Und Schweden hat liebe, praktische und erfindungsreiche Menschen. Deshalb fühlen wir uns wohl in unserer neuen Heimat. Über Schweden sind aber auch viele schöne Behauptungen im Umlauf, die sich bei näherem Hinsehen – zumindest teilweise – als Klischees, Vorurteile und Mythen erweisen. Dazu fallen uns folgende Beispiele ein:

Schweden ist führend bei der Gleichberechtigung

Am Arbeitsplatz und in den Großstadtregionen mag das so stimmen. Zu Hause in den ländlichen Regionen ist es aber fast wie zu Hägars Zeiten, nur dass die männlichen Nachfahren der Wikinger nicht mehr andere Länder plündern.

Viele vergnügen sich statt dessen mit Golfen, Jagen und Angeln. Oder mit Motorboot, Motorrad oder “fyrhjuling” fahren (siehe unten). Oder mit allerlei Vereinigungen, Clubs und Gesellschaften. Ihre Frauen kümmern sich derweil ums Einkaufen, Essen machen, Putzen und um die Kinder. Auf dem Land trifft man die Frauen auch seltener auf der Straße an als die Männer. Dort scheint es noch häufig eine klare Rollenverteilung zu geben.

Die Schweden sind hartgesottene Naturmenschen

In der Tat schlafen wohl viele Nachfahren der Wikinger heute mit geschlossenem Fenster und laufender Heizung. Deshalb gibt es in Schweden auch kaum vernünftige Schlafanzüge zu kaufen – man schläft halt in kurzer Hose und T-Shirt oder ganz ohne. Wir kaufen unsere Schlafanzüge immer noch in Deutschland.

Häufig habe ich auch gesehen, dass die Betten (meiner Meinung nach) falsch herum stehen. Nämlich mit dem Kopfende an oder gar unter dem Fenster. Das kann man eigentlich nur machen, wenn man das Fenster nicht aufmacht.

Unsere Kinder kommen oft von Übernachtungen bei ihren Freunden nach Hause und sagen: “Papa, ich habe kaum Luft gekriegt, das war so warm bei denen.”

Die Schweden leben gesund

Wenn wir Besuch aus Deutschland haben, ist der oft entsetzt über die Vielzahl dicker Kinder in Schweden. Wir haben keine Ahnung, ob es tatsächlich mehr als in Deutschland sind, aber wir glauben es. Dabei erschreckt uns auch, dass nicht wenige dieser übergewichtigen Kinder schlanke Eltern haben. Wie geht das?

Schweden liegt weltweit auf einem unrühmlichen ersten Platz, was den Zuckerkonsum angeht. 50 Kilo pro Person und Jahr! Das beginnt auch schon in Kindergarten und Schule: Bei jedem Geburtstag wird dort Eis verteilt, manchmal sogar Kuchen oder andere süße Dinge (doch keine Schokolade – wegen möglicher Nüsse). Unseren Sohn mussten wir deshalb schon mal aus der Schule holen, weil ihm von dem süßen Zeug vor dem Mittagessen schlecht geworden ist.

Und wenn ein Klassenausflug ansteht, sollen die Kinder in der Nachbarschaft Plätzchen verkaufen, um das Geld für die Fahrt einzusammeln. Wenn die Kinder ihr Verkaufsziel nicht erreichen, kaufen Mama und Papa ihnen einige Packungen ab. Dann sitzt die ganze Familie zuhause und futtert sich einige Wochen lang durch die Packungen mit Plätzchen. So bei uns schon geschehen.

Zum Glück tut sich aber etwas. Wie ich höre, verzichtet man an mehr und mehr Schulen auf die Geburtstagsfeiern mit Süßen. Auch der Plätzchenverkauf ist rückläufig – statt dessen werden mancherorts Salamis oder Zeitschriften verkauft.

Wir hätten unseren Kindern gern das Geld für den Klassenausflug einfach in die Hand gedrückt, ohne Plätzchenverkauf. Aber das darf man in Schweden nicht.

Die Schweden sind freizügig – Stichwort: “schwedische Sünde”

Nee, Schweden sind manchmal schrecklich verklemmt. Und das wird ihnen leider schon in Kindergarten und Schule so beigebracht. Nacktsein gibt es da nicht. Weder für zweijährige Kinder bei 30 Grad unterm Gartenschlauch noch für achtjährige Kinder in der Umkleide nach dem Sport. Am Strand ziehen sich erwachsene Männer ein Röckchen um, wenn sie die Badehose wechseln wollen. Wie in Amerika. – Mehr dazu: Prüderie in Schweden – Was ist mit der schwedischen natürlichen Nacktheit geschehen?

Schweden ist führend in der Verkehrssicherheit

Die Schweden haben früh das Internet entdeckt, haben die Entwicklung der Mobiltelefonie vorangetrieben und gehen heute virtuos mit den sozialen Medien um. Diese IT-Gesellschaft hat sich aber lange mit Händen und Füßen (und allerlei Ausreden) gegen ein Handyverbot am Steuer gewehrt.

Wenn man in Schweden einen Wagen vor sich hatte, der langsam kroch oder gar Schlangen fuhr, war der Fahrer in der Regel nicht betrunken, sondern er schrieb eine SMS oder telefonierte. In Schweden wurde deshalb auch immer seltener geblinkt, denn dafür würde man ja drei Hände brauchen. Motormännen, das schwedische Pendant zum ADAC, kontrollierte im August 2010 insgesamt 10.000 Autofahrer an zwölf Orten in Schweden. 55 Prozent der Autofahrer “vergaßen” beim Abbiegen zu blinken.

Seit Ende 2013 war das Benutzen von Handy und Co. im Auto nur noch erlaubt, wenn es nicht verkehrsgefährdend war. Ein generelles Verbot war das aber immer noch nicht. Erst seit dem 1. Februar 2018 ist es generell verboten, mit einem Mobilgerät in der Hand Auto zu fahren. Das ist exakt 17 Jahre später als in Deutschland!

Die alten Gewohnheiten haben sich in der langen Zeit so verfestigt, dass man im Verkehr auch heute noch Fahrer mit dem Mobiltelefon am Ohr sieht.

Schweden ist führend im Natur- und Umweltschutz

In Schweden gibt es das Jedermannsrecht. Es verbietet das Fahren mit motorbetriebenen Fahrzeugen in der Natur – zum Schutz des Waldes, zum Schutz der Tiere und zum Schutz der Menschen, die in der Natur Erholung suchen. Man darf nicht stören und nicht zerstören.

Es gibt aber Gebiete in Schweden, wo manche Wälder kaputtgefahren werden, vor allem in Trassen unter Hochspannungsleitungen. Hier sind Motorräder und vor allem “fyrhjulingar” (Quads, ATVs) auf illegalen Motocross-Strecken unterwegs. Und weder die Polizei noch die Gemeindebehörden greifen ein. Wie das aussehen kann, seht Ihr im Bild ganz oben auf der Seite. In einigen Gemeinden beginnt man sich aber zu wehren, so z. B. in Haninge bei Stockholm.

Schrott in den Wäldern ist ein anderes Problem, das mancherorts in Schweden ignoriert wird. Vor allem alte Fahrzeuge und Traktoren trifft man an. Viele Bauern horten diese alten Kisten auch auf ihrem Grund und Boden – und ich meine nicht vier oder fünf Fahrzeuge, sondern richtige Sammlungen alter Rostlauben. Seht unsere Bildersammlung mit Schweden-Schrott: Vermüllung und Naturverschandelung.

Schweden nutzt überdies seinen Wald so intensiv, dass es kaum Wälder gibt, die älter als 80 Jahre sind. Alter Wald ist in Schweden sehr selten geworden. Er macht nur noch 6 oder 7 Prozent der Waldfläche aus. Kritiker meinen, dass deshalb manche Arten verschwinden. Schweden liegt in puncto “alter Wald” auf einem der letzten Plätze in Europa.

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